• Kulturell erlaubt, trotz erheblicher Risiken – die Droge Alkohol

    von  • 10. März 2012 • Neuigkeiten

    Besonders kritisch: Alkohol in der Schwangerschaft

    Wenn Frauen schwanger werden, besteht im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum ein besonderes Problem. Das ungeborene Kind ist durch Alkohol besonders gefährdet, es kann zu einem fetalen Alkoholsyndrom kommen, wenn Frauen während der Schwangerschaft Alkohol trinken. Dieses Syndrom ist gekennzeichnet durch schräg nach unten verlaufenden Augenlidspalten, durch einen breiten Nasenrücken, durch einen großen Abstand zwischen Mund und Nase, durch sehr schmales Lippenrot und tief angesetzte Ohren. Die Kinder sind zudem oftmals sehr unruhig und weisen eine verminderte Intelligenz auf. Zusätzlich können Fehlbildungen an inneren Organen wie z.B. am Herzen auftreten. Noch immer werden in Deutschland etwa 2.200 Babies jährlich (von insgesamt 665.000 (2009)) mit einem fetalen Alkoholsyndrom geboren (DKG 2010). Dieses Syndrom ist durch eine strikte Abstinenz vermeidbar, es gibt keine sichere Untergrenze. Als Alternative gibt es viele wohlschmeckende Drinks ohne Alkohol, die sog. Virgin-Variante. Wenn eine Frau Alkohol in einer Zeit getrunken hat, in der sie noch nicht wusste, dass sie schwanger ist, sollte sie sich allerdings keine allzu großen Sorgen machen, sondern in der Folgezeit auf den Konsum von Alkohol konsequent verzichten. Da vor allem Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren schwanger werden, betrifft es gerade die Zeit, in der auch der Alkoholkonsum ansteigt.

    Die Alkoholkonsumgewohnheiten von Mädchen und jungen Frauen sind daher ohne Zweifel ein besonders geartetes Risiko, wenn sie trotz einer Schwangerschaft nicht verändert werden. Das fetale Alkoholsyndrom ist die besondere zu beachtende Gefährdung, da es nicht den eigenen Körper, sondern den eines heranwachsenden Kindes betrifft – ohne Abstinenz ist diese Gefährdung nicht auszuschließen, vor der Schwangerschaft möglicherweise eingeübte Trinkgewohnheiten müssen daher dringend beendet werden.

    Was hilft Alkoholkonsum zu reduzieren?

    Dieser Aufruf zu mehr Abstinenz oder zu mäßigem Alkoholkonsum betrifft aber nicht nur Mädchen und junge Frauen. Grundsätzlich ist bekannt, dass früh begonnener Alkoholkonsum, der dann in gesundheitsriskanter Weise fortgeführt wird, das Auftreten von alkoholbezogenen Krankheiten wahrscheinlich macht (Dawson et al. 2008). Dies unterstreicht die Notwendigkeit, schon frühzeitig wirksame Maßnahmen zur Verringerung des Alkoholkonsums einzuführen. Ungeeignet scheinen z.B. singuläre Maßnahmen wie die Steuererhöhung und damit eine Preiserhöhung für Alkopops zu sein, die sich gerade bei Jugendlichen großer Beliebtheit erfreuten. Zwar wurde der Verkauf dieser Alkoholika durch den höheren Preis deutlich reduziert, es gab aber gleichzeitig die Verlagerung auf andere Getränkearten, auch auf „härtere“ Spirituosen, so dass insgesamt keine Reduktion des Alkoholkonsums bei Schülern und Jugendlichen beobachtet werden konnte (stattdessen wird vor Discobesuchen mit billigem Wodka oder anderen Spirituosen in Mischgetränken “vorgeglüht“). Notwendig sind daher striktere Kontrollen bestehender gesetzlicher Rahmenbedingungen: Wenn Schüler und Jugendliche noch immer darauf hinweisen, dass ihnen trotz des Alters unter 18 Jahren Spirituosen in Tankstellen, Supermärkten oder Gaststätten verkauft werden, obwohl ein solcher Verkauf erst für Jugendliche ab dem 19. Lebensjahr erlaubt ist, dann wird diese einfache Erreichbarkeit zum „Einfallstor“ für problematische Konsumgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen und letztlich zu einer Gefährdung der eigenen Gesundheit und der Unversehrtheit anderer. Das fetale Alkoholsyndrom ist hier genau so nennen wie Unfälle im Straßenverkehr durch alkoholisierte Fahrer nach Disco-Besuchen oder die Krankenhausbehandlungen nach Alkoholvergiftungen. Dass über früh erlerntes Konsumverhalten dann auch die Alkoholkrankheit als verbreitetes und individuell sowie gesellschaftlich belastendes medizinisches Problem entsteht, soll der Vollständigkeit halber ergänzt werden. Ein epidemiologischer Survey aus dem Jahre 2006 bei den 18 – 64 jährigen Personen in Deutschland zeigt die Verteilung des Alkoholkonsums: Ein riskanter Alkoholkonsum mit >12/24g Reinalkohol pro Tag wird bei insgesamt 9,5 Mio. Menschen in Deutschland gesehen (Gesamt 18,3%(20,9% Männer und 15,6% Frauen), mit >20/30g bei 5,9 Mio. Menschen (Gesamt 11,4%(15% Männer und 7,5% Frauen). Die alkoholbezogenen Störungen treten im Rahmen von Alkoholmissbrauch bei etwa 2 Mio. Menschen auf (Gesamt 3,8%(6,4% Männer und 1,2% Frauen), als Abhängigkeit bei 1,3 Mio. Menschen (Gesamt 2,4%(3,4% Männer und 1,3% Frauen) (Zitiert in DHS 2011: 11 nach Pabst&Kraus 2008).

    Ausblick

    Alkohol ist ohne Zweifel ein großer Risikofaktor für die Gesundheit, für Kinder und Jugendliche wahrscheinlich der größte. Aus der Sicht von Public-Health und der Gesundheitspolitik stellt sich daher die Frage, wie der problematische Konsum verhindert und damit die individuellen und gesellschaftlichen Folgen – Krankheitsbelastungen, soziale sowie berufliche Beeinträchtigungen und Abhängigkeit – verringert werden können. Die pharmakologischen Wirkungen von Alkohol sind längst erforscht, die medizinischen Auswirkungen gut bekannt. Dennoch ist die Verfügbarkeit dieser „Problemdroge“ kaum begrenzt, gesetzliche Rahmenbedingungen wie das Jugendschutzgesetz, nach dem z.B. „harte“ Spirituosen nur an über 18-Jährige verkauft werden dürfen, werden zu wenig kontrolliert. Experten weisen darauf hin, dass rigorose Kontrollen dieser gesetzlichen Maßnahmen und allgemeine Preiserhöhungen für Alkoholika den Konsum verringern können (Babor et al. 2003). Daneben haben auch die Kommunikationsstrukturen im Elternhaus einen besonderem Einfluss auf die Trinkgewohnheiten Jugendlicher: Die Jugendlichen, deren Eltern wussten, wo sie sich z.B. am Samstagabend aufhielten, tranken auffällig weniger als die Jugendlichen, bei denen solche Informationsstrukturen nicht bestanden: Im ersten Fall waren es 6,4% der 15-jährigen Jugendlichen, die 3-mal oder häufiger 5 oder mehr Glas Alkohol getrunken haben, im zweiten über 30%. Der Staat „verdient mit“ am Alkoholkonsum: 3,3 Mrd. Euro waren es im Jahre 2009, die an Alkoholsteuern zusammen kamen (DHS 2011: 8). Die Werbung unterstützt mit ihren auf Wohlgefühl, gemeinschaftliches Erleben und Fröhlichkeit ausgerichteten Motiven das Interesse Jugendlicher an Alkohol und dessen Hemmungen abbauenden Wirkungen – auf dem „Becks“-Segelschiff mit seiner schon optisch attraktiven Besatzung möchten vielen Jugendliche ebenso gerne mitfahren wie in der Bacardi-Werbung den Tag salsatanzend verbringen. 470 Mio. Euro ließen sich die Konzerne ihre Werbung für alkoholische Getränke im Jahr 2009 kosten, der Einfluss der Werbung ist sicherlich nicht zu unterschätzen (Anderson, 2007). Diese erlaubte Drogenkultur hat aber erheblich Auswirkungen in Deutschland: Geschätzte 42.000 Todesfälle nur durch Alkohol, 10 Mrd. direkte Behandlungskosten bei Alkoholkrankheit und 16,7 Mrd. indirekte Kosten für Arbeitsausfälle oder Frühberentung sind Belastungen, die neben dem Verlust an Lebensqualität, neben Leid und Schmerzen für Betroffene und Angehörige berücksichtigt werden müssen.

    Der Auftrag für Public-Health ist überdeutlich: Gesundheitsförderung und Prävention müssen vor allem im frühen Leben, bei Kindern, Schülern und jungen Erwachsenen, wirksam werden, damit spätere Leiden durch die Folgen von alkoholbedingten Krankheiten wenn schon nicht vermieden, so doch verringert werden können. Public-Health muss in diesem Sinne zur „Gegenöffentlichkeit“ gegen eine immer wieder propagierte Problemlöserstrategie mit Alkohol werden. Im Mittelpunkt von Public-Health-Strategien muss vielmehr die Vermittlung eines informierten und verantwortungsbewussten Umgangs mit alkoholischen Getränken stehen – Alkohol als Genussmittel oder zur Erleichterung von Kommunikation ja, Alkohol zum Zudröhnen, Bindge-Drinking oder Komasaufen, bis der Arzt kommt,  nein! Die 2011 ins Leben gerufene „Bremer Initiative für ein Alkohol-Werbeverbot im sportlichen Umfeld“ ist Baustein im Rahmen einer solchen Public-Health-Kampagne, weil sich insbesondere auch Jugendliche an Sportidolen orientieren, vor allem an Fußball- oder Tennisspielern, die sich oft genug für Alkohol-Werbung „einspannen“ und gut bezahlen lassen – von Verantwortung ist ein solches Verhalten sicherlich nicht geprägt. Die kurze Analyse der Bremer Initiative, die vor allem von Ärzten, Gesundheitspolitikern und Gesundheitswissenschaftlern getragen wird, lautet: „Immer mehr Kinder und Jugendliche werden durch Alkohol gefährdet. Gerade im sportlichen Bereich, der für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von besonderer Wichtigkeit ist, sollte auf Werbung für Alkohol konsequent verzichtet werden. Neueste medizinische Erkenntnisse beweisen eine Korrelation zwischen frühem Erstkontakt und späterer Suchtentwicklung. Die Bremer Initiative schließt sich den Forderungen der WHO an und fordert ein sofortiges Werbeverbot für Alkohol im sportlichen Umfeld.“ (bcgh 2011). Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

    Literatur

    Anderson, P. (2007): The Impact of Alcohol Advertising: ELSA Projekt report on the evidence to strengthen regulation to protect young people. Utrecht: National Foundation for Alcohol Prevention. http://ec.euopa.eu/health/ph_dertiminants/life_style/alcohol/Forum/docs/alcohol_lib10_en.pdf (Aufgerufen am 9.6.2011)

    Baglietto, L., English, D.R., Hopper, J.L., Powles, J., Giles, G.G. (2006): Average Volume of Alcohol Consumed, Type of Beverage, Drinking Pattern and the Risk of Death From all Causes. In: Alcohol and Alcoholism, 41. Jg., (6) S. 664-671

    Barbor, T.; Caetano, R.; Casswell S. et al. (2003): Alcohol: no ordinary commodity – Research and Public Policy. New York

    bcgh – Bertelsen – Claßen – Glaeske – Huppertz (2011): Die Bremer Initiative für ein Alkohol-Werbeverbot im sportlichen Umfeld. Dr. Hans-Werner Bertelsen, Ambulante Klinik St. Joseph-Stift (Kontakt bertelsen@t-online.de)

    Bhala, N.; Emberson J.; Clarke, R. (2009): Alcohol Consumption and the U-shape relationship with mortality: 8-year follow-up of more than 6000 older men in the Whitehall-Study. In: J Epidemiol Community Health, 63. Jg., (Suppl II) S. A 13

    BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2009): Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2008. Verbreitung des Alkoholkonsums bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Köln

    Dawson, D., Li, T.G., Grant, B.F. (2008): A prospective study of risk drinking: at risk for what? In: Drug and alcohol dependence, 95. Jg., (1-2) S. 62-72

    DHS – Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hg.) (2011): Jahrbuch Sucht. Geesthacht

    DKG – Deutsche Krebsgesellschaft (2010): Gesundheitsgefahren durch Alkohol. www.krebsgesellschaft.de/alkohol_gesundheitsgefahren. Letzter Aufruf am 03.06.2011

    Ducimetière, P., Lang, T., Amouyel, P., Arveiler, D., Ferrières, J. (2000): Why mortality from heart disease is low in France. In: BMJ, 320. Jg. (7229) S. 249

    Gaertner, B., Freyer-Adam, J., Meyer, C., John, U. (2011): Alkohol – Zahlen und Fakten zum Konsum. In: DHS (2011) (Hg.): Jahrbuch Sucht. Geesthacht, S. 29- 50

    Glaeske, G. (2011): Medikament – Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. In: DHS (2011) (Hg.): Jahrbuch Sucht. Geesthacht, S. 73- 96

    Kraus, L.; Pabst, A.; Steiner, S. (2008): Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen 2007 (ESPAD). IFT-Berichte Bd. 165. München

    Law, M.; Wald, N. (1999): Why heart disease mortality is low in France: the time lag explanation In: BMJ, Jg. 318 S. 1471-1480

    Mann, K./Heinz, A. (2001): Alkoholismus: Neurobiologie der Alkoholabhängigkeit. In: Dtsch Arztbl, 98. Jg., (36) S. A 2279-2283

    Pabst, A.; Kraus, L. (2008) Alkoholkonsum, alkoholbezogene Störungen und Trends: Ergebnisse des epidemiologischen Suchtsurveys 2006. Sucht 54: 36-46

    Schwärzer, F.;Mann, K. (1998): Suchterkrankung Alkoholismus: Entstehung, Diagnostik und Behandlung. In: Gros, H. (1998) (Hg.): Rausch und Realität. Stuttgart, S. 68-86

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    SEYLE – Klug, K./Frisch, J.(2010): Gesundheitsförderung durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen. Zwischenbericht vom 15.07.2010

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