• Kulturell erlaubt, trotz erheblicher Risiken – die Droge Alkohol

    von  • 10. März 2012 • Neuigkeiten

    Alkohol und der Organismus

    Die Wirkungen auf die Leber

    Die Wirkungen des Alkohols auf den gesamten Organismus lassen sich auch medizinisch-pharmakologisch beschreiben, nicht nur unter Aspekten der Transmittertätigkeit im Gehirn. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass Alkohol ganz verschiedene Folgeerkrankungen nach sich ziehen und unterschiedliche Organe besonders schädigen kann. Die Krankheiten der Leber sind sicherlich die bekanntesten, die Fettleber, die alkoholbedingte Leberentzündung (Alkoholhepatitis) und die Leberzirrhose. Alkohol ist ein Gift, das die menschlichen Körperzellen schädigt, wenn es in hohen Mengen konsumiert wird. Das gilt eben insbesondere für das Entgiftungsorgan unseres Körpers, die Leber. Hier wird der Alkohol abgebaut, der aus Magen und Darm in das Blutgefäßsystem aufgenommen und dadurch in die Leber gelangt. In der Leber wird Alkohol durch die Alkoholdehydrogenase (ADH), die auch im Magen vorkommt, in Acetaldehyd und danach durch die Acetaldehyddehydrogenase in Essigsäure und dann durch den Citratzyklus in Wasser und Kohlenstoffdioxid umgewandelt. Da die Mengen von ADH im Körper eines Menschen unterschiedlich sind, schwankt auch die Abbaugeschwindigkeit des Alkohols im Körper: Bekannt ist, dass z.B. bei Ostasiaten sowie den indigenen Völkern Amerikas und Australiens geringe Mengen von ADH für den Abbau von Alkohol vorliegen, bei den Kaukasiern sind die Mengen bei Frauen geringer als bei Männern. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Empfehlungen für einen risikoarmen Konsum aus: Bei Frauen liegen die Obergrenzen bei einem täglichen Konsum von 10 – 12g Reinalkohol (etwa 0,25 – 0,3l Bier oder 0,125 bis 0,15l Wein), bei den Männern bei der doppelten Menge, als 20 – 24g. Nach dem Alkoholkonsum werden etwa 5% unverändert abgeatmet. Das ist die bekannte “Fahne”. Ca. 2% des getrunkenen Alkohols werden unverändert mit dem Urin ausgeschieden, 1 – 2% Alkohol werden über die Haut ausgeschwitzt. Die restlichen über 90% des vom Körper aufgenommenen Alkohols werden in der Leber durch Oxidation abgebaut und dann über Lunge bzw. Niere ausgeschieden. Dieser Abbau von Alkohol ist unabhängig von der Gesamtmenge. Die Abbaugeschwindigkeit von Alkohol beträgt durchschnittlich 0,15‰ und mindestens 0,1‰ pro Stunde. Wenn man z.B. etwa 1 – 1,2l Bier (ca. 5% Alkoholgehalt) getrunken hat, kommt man, je nach Größe und Gewicht, auf etwa 1 Promille. Bei einem mittleren Abbauwert von 0,15 ‰ pro Stunde benötigt der Körper dann ungefähr 6 bis 7 Stunden, um den gesamten Alkohol abzubauen. Bei Frauen, so zeigen Studien, wird der Alkohol etwas rascher abgebaut als bei Männern, wahrscheinlich ein Ergebnis des größeren Lebervolumens bei Frauen im Verhältnis zu ihrer Körpergröße.

    Menschen mit einem chronischen Alkoholmissbrauch haben zu 90% eine Fettleber, bis zu 50% haben eine Leberentzündung (Alkoholhepatitis) und bei 20 bis 30% liegt eine Leberzirrhose vor. In Deutschland muss von 300.000 Patienten mit Leberzirrhose ausgegangen werden, 50% davon gehen auf starken und chronischen Alkoholmissbrauch zurück. Die Mortalität ist hoch: Bei der Alkoholhepatitis beträgt sie akut 10 – 25%, bei einer Vierteljahresbetrachtung schon bei 35%. Wenn gleichzeitig eine Leberzirrhose besteht, kann die Sterberate bei einer Vierteljahresbetrachtung sogar auf 60% ansteigen. „Mit einer deutlichen Risikosteigerung für die Lebererkrankung ist bei Männern ab einem Alkoholkonsum zwischen 40 und 60g/Tag und bei Frauen ab einem Alkoholkonsum von 20 – 30g/Tag zu rechnen. Bis 40g/Tag wird kein sicherer Effekt bei Männern beobachtet, bei 60g/Tag ist das Risiko sechsfach erhöht, bei 80g/Tag vierzehnfach erhöht. Das Risiko der Frauen ist nahezu doppelt so hoch wie das der Männer. Neuere Daten zeigen bereits für geringe Mengen (12g/Tag) ein im Vergleich zu Nichttrinkern erhöhtes Risiko für eine Leberzirrhose“ (Teyssen, 2010). Entsprechend hoch ist das Risiko für die Entstehung einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis). Dabei hat nicht die Art des Alkohols, sondern die Menge den wichtigsten Einfluss auf die Entstehung der chronischen Bauchspeicheldrüsenerkrankung. 20g Alkohol pro Tag über längere Zeit wird als untere Dosis für das Krankheitsrisiko angesehen.

    Die Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System

    Neben den noch zu nennenden negativen Auswirkungen des Alkohol auf das Herz-Kreislaufsystem ist zunächst das „french paradox“ zu erwähnen, mit dem die niedrige Häufigkeit der koronaren Herzkrankheiten in der französischen Bevölkerung gemeint ist, bei der offenbar eine protektive Wirkung gegen dieser Krankheiten durch einen niedrigen, aber regelmäßigen Konsum von Rotwein erkannt wurde (Law/Wald 1999). In der Zwischenzeit ist aber bekannt geworden, dass auch andere alkoholischen Getränke diesen Effekt haben. Die Theorie zur Erläuterung des „Rotwein-Effekts“ war, dass phenolische Inhaltsstoffe im Rotwein (vor allem Barrique-Sorten) als Antioxidanzien auf den Cholesterinstoffwechsels (v.a. auf das LDL-Cholesterin, das „schlechte“ Cholesterin) wirken und damit das Risiko für Atherosklerose verringern könnte. Allerdings gilt dieses „paradox“ nur dann, wenn die jeweiligen Personen keine anderen Risiken wie Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes), Herzrhythmusstörungen oder Bluthochdruck aufweisen und das 45.bis 50. Lebensjahr über­schritten ist. Allerdings ist das französische Paradox ohnehin in die Kritik gekommen, weil geargwöhnt wird, dass die Erhebungsdaten für Herz-Kreislauferkrankungen in Frankreich insuffizient seien und dass die Aussagen zum positiven Effekt des Alkohols eher auf Basis invalider Daten zustande gekommen seien. „We conclude that the time has come to relieve epidemiology of the French paradox. Much more attention should be paid to collecting reliable data to produce more satisfactory explanations for the complex causes of heart disease” (Ducimetière et al. 2000).

    Unabhängig von der Diskussion um das “French paradox” wird aber die Diskussion darüber geführt, ob völlige Alkoholabstinenz gegenüber einem maßvollen geringen Alkoholkonsum die Mortalität durch Herz-Kreislaufkrankheiten erhöht (Baglietto L et al., 2006; Bhala et al., 2009). Danach ist die alkoholbedingte Mortalität als U-Kurve zu verstehen ein moderater Konsum von Alkohol senkt danach das Risiko für einen Herz-Kreislauf-Tod. Die Ergebnisse sind für Weintrinker besonders deutlich, für Biertrinker ist dieser Zusammenhang nicht ähnlich signifikant. Dies gilt sowohl für Männer wie für Frauen. Für Männer lag z.B. der „protektive“ Weinkonsum bei unter 40g Alkohol per Tag, bei Frauen bei unter 20g. Das Trinken von Spirituosen hatte bei Männern nicht den gleichen Effekt, hier lag die kritische Dosis bei unter 20g pro Tag, bei Frauen war das Trinken von Spirituosen nicht mit einem positiven Effekt verbunden.

    Unabhängig von diesen positiven Ergebnissen, die übrigens nicht ausschließlich im Zusammenhang mit den Stoffeigenschaften des Alkohols diskutiert werden, sondern auch mit den Wirkungen von Stressabbau und Bewältigungsverhalten („Der Tag geht, Johnnie Walker kommt“), dürfen die schädigenden Auswirkungen eines dauerhaften Alkoholkonsums auf das Herz-Kreislauf-Systems nicht übersehen werden: Herzrhythmusstörungen können auf akuten und chronischen Alkoholkonsum zurückgeführt werden, ob der Alkohol selbst die Störungen auslöst, ist bisher nicht klar belegt. Auch Herzinsuffizienz tritt bei etwa 1 bis 2% der Menschen mit einem chronischen Alkoholabusus auf. Diese schwerwiegenden Herzerkrankungen entstehen bei Konsum von 40 – 80g Alkohol pro Tag. Der Bluthochdruck verschlechtert sich bereits bei niedrigeren Dosierungen, 30g pro Tag bei Männern und 20g bei Frauen als Dauerkonsum verursachen einen deutlichen Anstieg der Blutdruckwerte. Ein Verzicht auf Alkohol ist daher eine dringende Empfehlung für alle Menschen mit erhöhtem Blutdruck.

    Die Auswirkungen auf Krebserkrankungen

    Viele Krebserkrankungen treten zusammen mit erhöhtem Alkoholkonsum auf – es gibt eine lineare Beziehung zwischen dem Alkoholkonsum und der Häufigkeit von Krebserkrankungen. So ist das Risiko, an einem Mundhöhlen- oder Kehlkopfkrebs zu erkranken, bei einem Alkoholkonsum von 75 bis 100g proTag im Vergleich mit der „Normalbevölkerung“ um mehr als das 13fache erhöht. Steigt der Alkoholkonsum auf über 100g pro Tag, so liegt das Risiko bereits beim 14fachen. Drastisch höher werden die Risiken, wenn gleichzeitig geraucht wird. Als Grundregel gilt: „Jeder Alkoholkonsum – ob gering, moderat oder stark – steigert die Krebshäufigkeit: Mit jedem durchschnittlich pro Tag getrunkenen „Drink“ (ein Drink entspricht im Mittel ca. 10g Alkohol) steigt das Risiko, an einem bösartigen Tumor zu erkranken, um 5 bis 30%, mit dem höchsten Risiko bei den Tumoren der Mundhöhle, des Pharynx [Rachen], Hypopharynx [Schlundrachen] und des Ösophagus [Speiseröhre]. Eine Grenzdosis, jenseits derer die Toxizität beziehungsweise die Kanzerogenität klinisch relevant zunimmt, existiert nicht. Bezüglich des Magenkarzinoms konnte jedoch kein gehäuf11,8tes Auftreten bei chronischem Alkoholkonsum gefunden werden. Dies gilt selbst bei Alkoholmengen von mehr als 200g/Tag.“ (Teyssen, 2011). Erhöht sind aber die Risiken für Darm- und Enddarmkrebs – beim ersten ist der Zusammenhang wahrscheinlich, beim zweiten gesichert: So haben Biert
    rinker, die mehr als 40trg Alkohol pro Tag trinken (mehr als einen Liter), ein dreifach höheres Risiko, an einem Enddarmkrebs zu erkranken.

    Alkoholkonsum Jugendlicher

    Die Drogenaffinitätsstudie zeigt, dass der Alkoholkonsum ab dem 12. Lebensjahr drastisch ansteigt: Der wöchentliche Konsum der 12- bis 17-Jährigen lag im Befragungszeitraum (Frühjahr 2008) im Durchschnitt bei 42g Reinalkohol pro Woche, bei den 16- bis 17-Jährigen schon bei 89g. Diese Menge ist schon fast so hoch wie die junger Erwachsener. Auch das Rauschtrinken ist in diesen jungen Jahren schon sehr verbreitet, bei den 12- bis 17-Jährigen gaben rund 20% an, an einem Tag des vergangenen Monats fünf oder mehr alkoholische Getränke konsumiert zu haben (BZgA 2009) – das Alter beim Erstkonsum von Alkohol liegt bei 13,2 Jahren (Settertobulte/Richter 2009). Ohne Zweifel sind es nach wie vor die jungen Männer, die im Vergleich zu jungen Frauen besonders viel Alkohol konsumieren. Dies ist auch an den Krankenhausdiagnosestatistiken ablesbar: So entfiel im Jahre 2008 in Deutschland die dritthäufigste Einzeldiagnose mit 338.000 Behandlungsfällen auf „Psychische oder verhaltensbezogene Störung durch Alkohol“, das entspricht 2% aller Behandlungsfälle, auf die Geschlechter bezogen 3,4% bei den Männern und 0,9% bei den Frauen. Betrachtet man die Diagnosehäufigkeit für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, so ist ein Anstieg während der letzten Jahre unverkennbar: Waren es im Jahre 2003 noch 17.991 Fälle, so wurden für das Jahr 2008 bereits 28.484 Fälle dokumentiert, eine Steigerung  um rund 58%. Unter diesen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen entfällt immer auch ein nennenswerter Anteil auf Mädchen und junge Frauen, wenn man die geschlechtsspezifischen Konsumgewohnheiten zum Ausgangspunkt nimmt: So gaben in der SEYLE-Studie, in der 14- bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler befragt wurden, 29,4% der Jungen und 26,8% der Mädchen an, 2-bis 4-mal pro Monat Alkohol zu trinken, 12,8% der Jungen und 6% der Mädchen trinken 1-mal pro Woche oder häufiger Alkohol. Bei den Jungen liegt zwar ein höherer Alkoholkonsum vor, starke Trunkenheit tritt jedoch ähnlich häufig bei beiden Geschlechtern auf (SEYLE 2010). Daten aus der ESPAD-Schülerbefragung in den 9. und 10. Klassen zeigen für Deutschland ähnliche Ergebnisse. „Einen häufigen Konsum (10-mal oder öfter) innerhalb der letzten 30 Tage gaben 14% der Jugendlichen an, mit 23% mehr Jungen als Mädchen (6%)“ (Kraus et al. 2008: 20). Jungen trinken mehr Bier und Spirituosen, Mädchen eher Wein bzw. Sekt oder Alkopops, also alkoholhaltige Mischgetränke. Auch hier ist die Häufigkeit von Rauscherlebnissen relativ gleich verteilt zwischen Jungen und Mädchen: Die Daten zeigen, dass „bis zum Alter von 16 Jahren […] 74% der Jungen und 68% der Mädchen mindestens ein Rauscherlebnis [hatten]“ (Kraus et al. 2008: 21).

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